Philipp Hoicke

Energie – Wirtschaft – Politikberatung

Wahrheiten und Lügen über Strompreise

In den Medien geistern verschiedene Halbwahrheiten zu den aktuellen Energiepreisen umher. Viele Menschen regen sich über die gestiegenen Strompreise auf. Doch auf die Frage, wie viel kostet eigentlich eine Kilowattstunde, haben die meisten kaum eine Antwort. Es ist menschlich, nach einem Schuldigen zu suchen, den man für alles verantwrtlich machen kann. Bei der Frage der Strompreisentwicklung ist es das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und die Umlage zur Föderung der Erneuerbaren Energien (EEG-Umlage). Doch um wirklich zu verstehen, warum der Strompreis steigt, muss man sich genau anschauen, wie er sich zusammensetzt und welche Faktoren ihn beeinflussen.

Die Kosten einer Kilowattstunde lassen sich in verschiedene Teilkosten zerlegen. So setzt sich der Strompreis nicht nur aus den eigentlichen Kosten für die Stromerzeugung zusammen. Diese haben bei einem durchschnittlichen Haushalt einen Anteil von rund einem Drittel. Die anderen zwei Drittel setzen sich zusammen aus Netzentgelte, Stromsteuer, Konzessionsabgaben und Mehrwertsteuer. In der aktuellen Diskussion wird der Fokus meist nur auf den Anteil der EEG-Umlage beschränkt, der für das Jahr 2012 bei 3,59 Cent pro Kilowattstunde lag. Für das kommende Jahr wird er bei 5,277 Cent liegen.

Studien des Forum Ökologische-Soziale-Marktwirtschaft e.V. (FÖM) im Auftrag des Bundesverbands WindEnergie (BWE) kommen zu dem Schluss, dass die wirklichen Kosten für Strom nur teilweise auf der Stromrechnugn zu finden sind. So ließen sich die Kosten für die Förderung der Erneuerbaren Energien (EEG-Umlage) zwar auf der Stromrechnung wiederfinden. Wesentliche Kosten der konventionellen Energieträger jedoch nicht. Diese Kosten überstiegen laut FÖM die Fördersummen der Erneuerbaren Energien bei Weitem und fallen der Gesellschaft auf andere Art und Weise zur Last.

Gemeint sind hier wohl die steuerlichen Vergünstigungen durch Finanzhilfen, Steuervergünstigungen und anderen Rahmenbedingungen für Atomenergie, Steinkohle und Braunkohle. Diese werden von der Studie aufgeschlüsselt und den jeweiligen Energieträgern zugerechnet. Demnach hat die Energiegewinnung aus Steinkohle mit 311 Milliarden Euro über einen Zeitraum von über 30 Jahren den größten Teil an staatlichen Förderungen erhalten. Auf dem zweiten Rang kommt die Atomenergie mit gut 213 Milliarden Euro. Auf dem dritten Rang liegt die Energiegewinnung aus Braunkohle mit einer staatlichen Fördersumme von 87 Milliarden Euro. Auf eine solch lange Zeit können die Erneuerbaren Energien noch nicht zurückblicken. Sie haben ca. seit Mitte der 1990er Jahre erste Förderungen bekommen. Diese werden in der Studie auf rund 67 Milliarden Euro beziffert.

Ist die EEG-Umlage schuld?

Von Seiten der Politik war es vor allem der Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler, der in den letzten Wochen massiv am EEG und der Umlage für Erneuerbare Kritik übte. Er sieht das EEG als alleinigen Preistreiber der Energiewende. Diese Einschätzung ist jedoch völlig falsch. Denn: nur etwa 2,3 Cent von den insgesamt 5,3 Cent der EEG-Unlage sind direkte Förderkosten für den Ausbau der Erneuerbaren Energien. Die restlichen Cent sind nach Einschätzung des Präsidenten des Bundesverbands WindEnergie, Hermann Albers, politische Entscheidungen und Systemfehler.

Berechtigt ist aber dennoch die Frage, wenn die Vergütungszahlen für Strom aus Erneuerbaren Energien um 12 Prozent steigen – warum steigt dann die EEG-Umlage um 47 Prozent?

Die Zeitschrift „Neue Energie“ (Ausgabe Nr. 11 /November 2012) gibt in ihrer aktuellen Ausgabe drei Gründe für diesen Trend an. Erstens sei der nachträgliche Ausgleich zu geringer Einnahmen im Jahr 2012 aufgrund zu niedriger Schätzungen über den Zubau von Erneuerbaren Energien (vor allem bei Photovoltaik) dafür verantwortlich. Zweiter Grund ist die immer größer werdende Schere zwischen den Strompreisen an der Strombörse EEX, die mit steigenden Erneuerbaren Quellen sinken, und den Produktionskosten dieser Quellen. Der letzte Grund für den anstieg der EEG-Umlage bildet der Zeitschrift zur Folge die ausgeweiteten Ausnahmeregelungen der Industrie, die teilweise nur einen Bruchteil der eigentlichen EEG-Umlage zahlen. Dies wird dann natürlich auf die Kosten der anderen Kunden umgelegt.

Kritik kommt auch von seiten des BEE, dem Bundesverband Erneuerbare Energien. Der Verband ist der Meinung, dass die EEG-Umlage stärker anstiege als notwendig. Dies ist jedoch nicht allein mit dem starken Ausbau der Erneuerbaren Energien zu erklären. Die Politik habe nach Ansicht des BEE die Umlage immer weiter aufgebläht und zusätzliche Kosten auf die Verbraucher umgelegt. Auf der anderen Seite werden preissinkende Effekte nicht an die Kunden weitergegeben. Das FÖM weist des Weiteren nach, dass seit 2003 die Ursachen für den Anstieg der Stromkosten auf die gestiegenen Rohstoffkosten bei Kohle, Öl und Erdgas zurückzuführen sind. Nur etwa ein Drittel der gestiegenen Kosten sind auf den Ausbau der Erneuerbaren Energiequellen zurückzuführen.

Erneuerbare wirken preissenkend

Die Erneuerbaren Energien haben sogar eine preissenkende Wirkung auf die Strompreise. Dies wird durch den Merit-Order-Effekt beschrieben. Dieser Effekt beruht auf der Tatsache, dass es durch das EEG einen Einspeisevorrang für Strom aus regenerativen Quellen gibt. Der aktuelle Strompreis an der Börse berechnet sich nach dem Kraftwerk, welches als letztes hinzugeschaltet wurde, um die benötigte Energiemenge bereitzustellen. Diese letzten Kraftwerke sind in der Regel ältere und somit inenffizente Kraftwerke. Durch den Einspeisevorrang der Erneuerbaren Energien werden nun diese Kraftwerke vom Markt verdrängt. Der Effekt wirkt sich demnach preissenkend auf den Strompreis aus.

Fakt ist, dass die Strompreise weiterhin steigen werden. Das stellt besonders finanzschwache Haushalte vor immer größere Herausforderungen. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz ist beispielhaft für die Markteinführung einer neuen Energieform gewesen. Doch scheint es nun in der Energiewende an einen Punkt gelangt zu sein, an dem man nachbessern muss. Die Politik ist nun in der Verantwortung, die Energiekosten der Haushalte und der Industrie in einem bezahlbaren Rahmen zu halten und transparent zu gestalten. Dabei ist dringend von schnellschüssen à la Philipp Rösler zu verzichten. Die Energiewende ist ein Jahrhunderprojekt. Sie muss weiter vorangetrieben werden. Jedoch mit vernünftigen Instrumenten und Regelungen.

Ich würde mir wünschen, dass innerhalb des Bundestagswahlkampfes ein wenig mehr Verstand in die Diskussion gebracht wird. Schnellschüsse bei einer Umgestaltung oder gar zu einer Beseitigung des EEGs darf es nicht kommen.

Ach so – um die anfänglich indirekt gestellte Frage zu beantworten: Eine Kilowattstunde Str0m kostet derzeit 23 Cent (Ökostrom)

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4 Kommentare zu “Wahrheiten und Lügen über Strompreise

  1. Daniel Florian
    16. November 2012

    Naja, Kohlepfennig hin oder her, die EEG-Umlage ist definitiv teurer als geplant. Und während Kohlesubventionen gekürzt werden, werden die Subventionen für die Erneuerbaren durch die garantierten Einspeisevergütungen noch steigen. Die Erneuerbaren als billige Energiequelle dazustellen ist also – billig.

    Man sollte sich das Design des Strommarktes noch einmal grundsätzlich anschauen und die Anreize so setzen, dass nicht große Solar-Panels gefördert werden sondern kosteneffiziente und umweltschonende Energiequellen. Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft hat dazu einen guten Vorschlag gemacht, aber ich bezweifle, dass eine rot-grüne Koalition sich damit auseinandersetzen würde …

  2. philipphoicke
    19. November 2012

    Lieber Daniel,

    die EEG-Umlage bzw. die gesamte Förderung der Erneuerbaren Energien ist sicherlich nicht so gelaufen, wie man es sich vor Jahren dedacht hatte. Sich jedoch darauf zu berufen, dass alles teurer wird und in der „guten alten Kohle- und Atomzeit“ (oder bei dir eben Gaszeit) der Strompreis günstiger war als vorher ist billig.
    Denn, was glaubst du, hätten wir für einen Strompreis, wenn wir keine Energiewende hätten? Ich bin überzeugt, dass die Preise auch gestiegen wären bzw. höher wären, als heute.
    Fakt ist – und da gebe ich dir recht – muss etwas getan werden, damit die Energiewende gelingen kann. Derzeit bauen wir wie wild neue Anlagen (bevorzugt PV-Anlagen) auf irgendwelche Bauernhöfe in Bayern und Würrtemberg ohne irgeneinen Plan zu haben, der den Ausbau der EE mit dem Netzausbau zusammenbringt. Dort mal einen besseren Plan vorzulegen ist Aufgabe der Politik. Ich befürchte nur, dass bis zur Bundestagswahl viele sachliche Diskussionen im allgemeinen Wahlkampf-Geplänkel untergehen werden. Jedenfalls, wenn unser Wirtschaftsminister so weitermacht …

  3. Tim Kraska
    27. November 2012

    Warum sollten die Energie-Preise teurer sein ohne „Energiewende“? Wären gewisse Kernreaktoren nicht aus politischen Gründen nach dem Bau vor der Inbetriebnahme abgeschaltet worden hätten wir jetzt mehr günstigen und vermutlich sogar mehr sicheren Strom. Auch macht der Merit-Order-Effekt regenerative Energiequellen nicht preiswerter als sagen wir ein modernes Atomkraftwerk. Es ist lediglich ein Markteffekt, da man regenerative Energiequellen nur schlecht ein und ausschalten kann und deshalb, unter anderem, Vorrang geben muss. Dies ist keineswegs ein Vorteil sondern eines der größten Nachteile.

    Nach meiner Meinung, war der vorschnelle Atomausstieg einer der größten Fehler. Deutschland muss nun immer mehr Strom importieren und unsere Nachbarländer bauen teilweise neue Atomkraftwerke. Daher fragt man sich schon, warum man einen Wettbewerbsnachteil in Kauf nimmt (höhere Strompreise) und die sichere Betreibung von Kernkraftwerken lieber dem Ausland überlässt.

    Man soll mich dabei nicht falsch verstehen. Die Förderung regenerative Energiequellen ist wichtig und hat Deutschland auch zu einem Marktführer in dem Bereich gemacht. Ich sage lediglich das der vorzeitige Atomausstieg und der massive Ausbau regenerativen Quellen bevor die Technologie effizient genug ist, falsch war/ist.

    • philipphoicke
      28. November 2012

      Lieber Tim,

      zunächst muss man sauber zwischen dem Atomausstieg und er Energiewende trennen. Das sind zwei getrennte „Projekte“ und sind zunächst unabhängig von einander. Ich gebe dir allerdings Recht, wenn du sagst, dass der Ausstieg aus der Atomkraft der aktuellen Regierung nicht die optimale Lösung war. Aber er war wohl dem Druck durch die Fukushima-Katastrophe und den anstehenden Landtagswahlen in Baden-Württemberg geschuldet und hatte sicherlich nichts mit energiepolitischen Verständnis zu tun. Der Atomausstieg, den die SPD/Grüne-Regierung vor einigen Jahren beschlossen hatte, war aus meiner Sicht wesentlich verträglicher für die Energiewirtschaft. Dort wären auch nicht 6-7 Atomkraftwerke von heute auf morgen abgeschaltet worden, sondern in einem verträglicherem Rahmen.

      Des Weiteren muss man sich fragen, wer für welchen Strom wie zahlt. Dann steht der Atomstrom eben auch in einem ganz anderen Licht, da die Gesamtkosten der Atomkraft nicht auf der Stromrechnung erscheinen, aber natürlich trotzdem bezahlt werden müssen. Im Gegensatz dazu werden die Kosten der EE komplett den Kunden über den direkten Strompreis aufgelastet. Die Atomindustrie ist (je nach Rechnung) mit mehreren hundert Milliarden seid ihrer Einführung subventioniert worden – natürlich aus Steuergeldern. Die Energiewende kommt da bislang nur auf einen Bruchteil. Bei Kohle sieht es übrigens ähnlich aus … Auch wird uns die Atomkraft noch weitere Jahre finanziell in Anspruch nehmen, da man ja noch nicht weiß, wohin mit dem ganzen Müll. Das wird den Steuerzahler auch in den kommenden Jahrzehnten Milliarden kosten.

      Aber zu deiner eigentlichen Frage: Warum schreibe ich, dass eine Kilowattstunde Strom heute auch ohne Energiewende teurer wäre? Genau beziffern kann man das natürlich nicht – aber auch heute sind die Importkosten für Rohstoffe (Kohle etc. – denn kein Kraftwerk in Deutschland wird mit deutscher Kohle betrieben) stark gestiegen. Durch die weitere Rohstoffverknappung und durch den geringeren Export von Kohle aus China, werden sich die Preise für Kohle weiterhin nach oben orientieren. Durch die EE konnten in den letzten Jahren mehrere Milliarden an Rohstoffimporten eingespart werden, die dann wiederum nicht auf die Kunden bzw. den Strompreis umgelegt wurden. Wie hoch dann eine kWh gekostet hätte, kann ich dir leider nicht beziffern – denke auch nicht, dass das überhaupt gehen wird. Aber bestimmt höher, als in der „guten alten Atom bzw. Kohle-Zeit“, die manche gerne zurück hätten.
      Demnach wirkt sich der Merit-Order-Effekt bei EE auch anders aus als bei AKW, wie du angenommen hast. Ich gehe da eher von einer volkswirtschaftlichen Betrachtungsweise aus. Vielleicht wäre der Strompreis auf der Kundenrechnung bei einem höheren Atomstromanteil etwas niedriger – langfristig gesehen wird er aber niedriger sein bzw. geringer steigen, da wir auf weniger Ressourcen (Importe) angesehen sind.

      Es muss auch weiterhin einen stärkeren Wettbewerb im Strommarkt geben (der Gasbereich ist sogar noch stärker monopolisiert), durch den auch ein stärkerer Wettbewerb entstehen würde. Auch müsste der Preis einer kWh transparenter gestaltet werden, damit man wirklich nachvollziehen kann, was der Strom wirklich kostet – ohne Subventionen.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 15. November 2012 von in Atomenergie, Energiepolitk, Erneuerbare Energien, fossile Energie, Politik, Wirtschaft und getaggt mit , , , .

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