Philipp Hoicke

Energie – Wirtschaft – Politikberatung

Warum Großprojekte immer teuer werden müssen als geplant

Egal wo man derzeit in Deutschland die Lupe auf die Karte legt, überall gibt es Großbauprojekte, deren Kosten im Laufe der Bauphasen teurer werden als ursprünglich angenommen. Gleichzeitig formiert sich mit den steigenden Kosten eine Ablehnung in der Bevölkerung gegen die jeweiligen Projekte.

Einige Beispiele:
Fangen wir im Norden an. In Hamburg steht ein erstes Vorhaben, dass bislang Unsummen verschlungen hat. Fertig ist es jedoch noch lange nicht. Die Elbphilharmonie ist neben der Entwicklung der Speicherstadt Hamburgs Prestigeobjekt. Bislang waren die Kosten auf rund 370 Millionen Euro kalkuliert worden. Nach den jüngsten Meldungen des Hamburger Oberbürgermeisters Olaf Scholz muss sich die Stadt auf Mehrkosten von rund 198 Millionen Euro einstellen. Das ist eine Steigerung von mehr als 50 Prozent. Jedem Buchhalter wäre bei diesen Fehlplanungen die Kündigung zugegangen. Und zum Schluss ist noch nicht einmal klar, ob die Elbphilharmonie überhaupt hält, was sie versprechen sollte. Das Gebäude wird sicherlich imposant werden. Doch der eigentliche Sinn einer Philharmonie ist der Klang im Konzertsaal. Doch dafür will die Baufirma Hochtief keine Garantie übernehmen. Für den Klang sei eine japanische Firma verantwortlich, die das Klangkonzept erstellt hat. Wenn es schlecht läuft für die Hamburger, dann steht bald mitten in Hamburg ein Betonklotz, der vielleicht nett anzusehen ist, aber dessen inneren Werte kaum über den Klang einer Schulaula hinauskommt.

Ein weiteres Beispiel steht in der Bundeshauptstadt Berlin. Dort plagt sich der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit mit dem Bau des neuen Berliner Flughafens herum. Bereits zum vierten Mal musste er der Öffentlichkeit verkünden, dass der angesetzte Eröffnungstermin nicht gehalten werden kann und macht sich damit zum Gespött der Medien. Parallel zu den Verzögerungen kam es auch bei diesem Projekt zu erheblichen Kostenexplosionen. Erst kürzlich wurden Mehrkosten von rund 1,2 Milliarden Euros angesetzt. Unter Umständen können diese sogar noch um weitere 250 Millionen erhöht werden, wenn der Flughafen für verstärkten Lärmschutz bei Anwohnern aufkommen muss. Dies wird aktuell vor Gericht verhandelt. Der letzte verkündete Eröffnungstermin, der 27. Oktober 2013 ist bereits jetzt fraglich.

Das wohl größte und umstrittenste Bauprojekt wird von der Deutschen Bahn beaufsichtigt. Es handelst sich um die Neugestaltung des Stuttgarter Hauptbahnhofes  – besser bekannt unter dem Namen Stuttgart 21 (S21). Erst vor einigen Tagen hat die Bahn nach einem Gutachten von McKinsey verkündet, dass man auch bei diesem Projekt an weiteren Kosten in Höhe von 2,3 Milliarden Euro nicht herumkommen werde. Insgesamt beträgt die Bausumme von S21 damit gute 6,8 Milliarden Euro. Noch in der Planungsphase Ende der 90er Jahre bezifferte die Bahn die Kosten für S21 auf 2,5 Milliarden Euro. Schnell wurden daraus 500 Millionen mehr. Kritiker gehen auch davon aus, dass die aktuelle Zahl von 6,8 Milliarden Euro nicht zu halten sei. Sie werden wahrscheinlich Recht behalten.

Doch warum können in den meisten Fällen weder die Kosten noch der vereinbarte Termin für Bauprojekte eingehalten werden? Der Schweizer Autor Rolf Dobelli erklärt dieses unangenehme Phänomen mit dem Ansatz des Strategic Misreprensentation – zu deutsch: strategische Falschangabe. Grundlegend kann man sagen, dass je mehr auf dem Spiel steht, desto mehr wird übertrieben bzw. gelogen. Am besten geht dieses Verhalten bei einmaligen Ereignissen. So wird wohl kaum ein Bewerber bei einer lukrativen Stelle im Vorstellungsgespräch zugeben, dass er die geforderten Erwartungen und Ergebnissteigerungen in einer Abteilung nicht herbeiführen kann. Sondern er wird mit breiter Brust behaupten, dass er natürlich den Anforderungen entsprechen wird. Obwohl er schon zu diesem Zeitpunkt sicher sein kann, dass er die gesetzten Ziele nicht erfüllen wird. Aber er wird eingestellt.

Auch die Kostenexplosionen bzw. die nicht fristgerechte Fertigstellung bei Megabauwerken unterliegen dem selben Prinzip. In der Regel bekommen die Unternehmen den Zuschlag, die bei der Ausscheibung übertreiben bzw. bei den Kosten untertreiben. Andernfalls würden sie sich nicht gegen die Konkurrenz durchsetzen. Ein paar Bedingungen begünstigen dieses Phänomen jedoch noch. Anfällig sind Bauprojekte immer dann, wenn sie generell auf einige Jahre angelegt sind und niemand die Hauptverantwortung trägt. Das kann zum einen daran liegen, dass der Auftraggeber des Projekts ( die Politik bzw. eine Landesregierung oder eine Stadtverwaltung) längst abgewält wurde oder die führenden Köpfe bereits vor Jahren ausgetauscht wurden. Außerdem sagen viele Politiker hinter vorgehaltener Hand, dass Projekte dieser Größenordnung in der Regel keine Chance auf Realisierung haben, wenn von anfang an die realistischen Kosten vranschlagt werden. Somit werden Budgets stets kleingerechnet und Bauzeiten verkürzt. Auch die Beteiligung von vielen Unternehmen, die im schlechtesten Fall die Schuld immer auf das jeweils andere Unternehmen schieben sorgen regelmäßig für Terminüberschreitungen.

Welche Möglichkeiten der Abhilfe gibt es nun? Generell sollte bei den Kostenaufstellung von Megaprojekten immer Vorsicht geboten sein. Vor allem, wenn der Auftraggeber die Politik ist und sich Führungsköpfe und Regierungen durch Wahlen ändern. Solche Projekte sollten von Anfang an von unabhängigen Gutachtern auf Herz und Nieren geprüft werden. Auch könnte man über Verträge mit schärferen Geldstrafen bei Terminüberschreitungen setzen und das Geld vorsichtshalber auf ein Sperrkonto einzahlen. Das könnte dafür sorgen, dass die Unternehmen bei Ausschreibungen mit realistischen Kostenkalkulationen und zeitlichen Abläufen in das Bewerbungsverfahren gehen. Sonst werden wir uns darauf einstellen müssen, dass bei Großprojekten weiterhin Kostensteigerungen und Terminüberschreitungen an der Tagesordnung sind. Auch eine Steigerung der Transparenz bei Bauprojekten ist notwendig, damit Kosten von anfang an relalistisch eingeschätzt werden.

 

Radiobeitrag:

Wie beim Turmbau zu Babel …
Sind moderne Großprojekte beherrschbar?

Es diskutieren:
Gerd Appenzeller, Mitherausgeber der Zeitung „Der Tagesspiegel“Philipp Hoicke, Politikberater, Dortmund
Prof. Falk Jaeger, Architekturpublizist, Potsdam
Gesprächsleitung: Matthias Heger

Sendung: SWR2 Forum, Sendung vom Donnerstag, 10. Januar 2013, 17:05 Uhr
Mehr zur Sendung finden Sie hier.

 

Foto: flickr.com (enbodenumer), Lizenz (CC-BY-NC-SA 2.0)

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 19. Dezember 2012 von in Politik, Strategie, Wirtschaft und getaggt mit , , .

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