Philipp Hoicke

Energie – Wirtschaft – Politikberatung

Debatte um „30-Stunden-Woche“ – linke Spinnerei oder echte Alternative?

Prof. Heinz-J. BontrupDer offene Brief der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik hat in den Medien leider bislang nur ein geringes Aufsehen erregt. Zu groß waren heute die Berichte über den Rücktritt des Papstes und über Karnevalszüge – leider. Doch ich behaupte mal, dass das Thema der Forderung nach Arbeitszeitverkürzung das wichtigere Thema sein sollte. Zumindest wird stellenweise über den Vorschlag der Wissenschaftler berichtet – auch wenn es meistens Kritik an den Vorstellungen hagelt. Doch was ist dran an den Forderungen – sind sie „weltfremd“, „falsch“, „gefährlich“ wie der Spiegel einige kritische Wissenschaftler wiedergibt?

Der Sprecher der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik, Professor Heinz-J. Bontrup ist sich sicher, dass wir eine gesteigerte Beschäftigung in Deutschland erreichen können. Als Mittel setzen er und weitere Wissenschaftler sich für die Reduzierung der Wochenarbeitszeit ein – bei vollem Lohnausgleich. Anders sei der Massenarbeitslosigkeit nicht zu begegnen. Denn die Ressource „Arbeitskraft“ müsse künstlich verknappt werden, damit wieder mehr Menschen am Arbeitsleben teilhaben können. Die Arbeitsgruppe bricht damit mit dem allgemeinen Neoliberalem Ansatz, dass nur Lohnverzicht seitens der Arbeiter/Angestellten für mehr Einstellungen sorge und dass großzügige steuerliche Begünstigungen für Unternehmen zu mehr Investitionen führten. Diese Politik wird in der westlichen Welt nun schon seit mehreren Jahrzehnten betrieben. Doch nirgendswo hat sie zum versprochenen Erfolg geführt. Sie hat stets wenige Menschen reicher gemacht und mehr Menschen ärmer.

Laut Bontrup ist „der Verteilungsspielraum […] immer die Produktivitäts- plus Preissteigerungsrate. Dabei ist Arbeitszeitverkürzung die einzige logische sowie historisch konsequente Antwort auf die jährlichen Produktivitätssteigerungen, die oberhalb der realen Wachstumsraten der Wirtschaft liegen und somit zu einem Rückgang des Arbeitsvolumens und ohne Arbeitszeitverkürzung zu Arbeitslosigkeit führen. Die Verkürzung der Arbeitszeit ist nur bei vollem Lohn- und Personalausgleich möglich, sonst sinkt die Lohnquote noch weiter“, dies zeigen gesamtwirtschaftliche Berechnungen Bofingers. Damit stößt er eine Debatte an, der Beachtung entgegengebracht werden sollte, aber zieht auch Kritik nach sich.

Mythos Fachkräftemangel und Aussagen über derzeitige Vollbeschäftigung in Deutschland sind purer Zynismus

Peter Bofinger, seines Zeichens Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg, ist sicherlich einer der bekanntesten Kritiker Bontrups. Er verweist in seiner Kritik auf den Vorschlag nach Arbeitszeitverkürzung auf die Tatsache, dass man in Deutschland bereits weitestgehend Vollbeschäftigung habe. Leider kann ich derzeit keine Anzeichen finden, die es erlauben, in Deutschland von Vollbeschäftigung zu sprechen. Arbeitslosenzahlen werden geschickt verschleiert und heruntergerechnet und noch immer haben wir Millionen Menschen in Deutschland, die keine Arbeit haben. Die Zahl der Arbeitsplätze ist zwar in den letzten Jahren gestiegen, aber wenn man sich die Qualität der geschaffenen Arbeitsstellen anschaut, wird man schnell feststellen, dass es überwiegend prekäre Beschäftigungsverhältnisse sind. Also solche Arbeitsplätze, die nur gering entlohnt werden, zeitlich befristet sind und auch nicht als Vollzeit-Stelle angesehen werden können. Die Zahl derjenigen, die 40, 50 oder mehr Stunden in der Woche arbeiten gehen müssen und am ende des Monats trotzdem auf Sozialleistungen angewiesen sind, werden in Deutschland, in einer der führenden Wirtschaftsnationen, seit Jahren stetig größer. Wenn Herr Bofinger an dieser Stelle von einer Vollzeitbeschäftigung in Deutschland spricht, ist dies bloßer Zynismus und es  müssten eigentlich Millionen Menschen aufschreien. Doch das tut niemand.

Auch das Argument, Deutschland hätte einen Fachkräfte-Mangel, ist sachlich falsch. Wenn es in bestimmten Branchen zu kurzfristigen Engpässen bei der Besetzung neuer Stellen gibt, ist das volkswirtschaftlich gesehen kaum der Rede wert. In anderen Bereichen kann ich nur der Industrie und der Wirtschaft erwidern: hätten sich viele Betriebe nicht von ihrer gesellschaftlichen Verpflichtung verabschiedet, eigene Ausbildungsstellen zu schaffen, würde man sicherlich anders darüber sprechen. Daher ist der Fachkräftemangel ein selbst erschaffenes Problem, dass man leicht beseitigen könnte.

Arbeitslosigkeit ins Zentrum der Politik holen

Die Debatte um Arbeitsplätze und Arbeitslosigkeit muss auch wieder einen anderen Stellenwert in der Politik und der öffentlichen Debatte bekommen. Denn die aktuellen Zahlen der Arbeitslosenstatistiken sind dazu leider nicht in der Lage, da sie das wahre Ausmaß der Arbeitslosigkeit verschleiern und schon gar nicht verkünden sie eine Vollbeschäftigung! Außerdem kostet die hohe Arbeitslosigkeit dem Staat derzeit gute 75 Milliarden Euro jährlich. Daher muss eine steigende Arbeitsbeschäftigung das Ziel jeder Politik sein, aber nur bei Jobs, von denen Menschen leben können und auch Steuern zahlen können. Dadurch könnten die steuerlichen Einnahmen um Milliarden gesteigert werden. Doch darüber spricht kaum jemand. Wir leisten uns lieber Millionen von Arbeitslosen.

Massen werden für Dumm verkauft

Die Politik und die Medien würden gut beraten sein, die Vorschläge der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik ernsthaft zu diskutieren. Bislang habe ich nur neoliberale Hetze und Angstparolen gehört. Leider auch von anerkannten Wissenschaftlern und Politikern. Dort wird den Menschen in Deutschland eingeredet, es seien Vorschläge, die ein Marxistisches Gesellschaftsmodell anstreben (Spiegel-online ,Autor: Julian Kutzim, Debatte um 30-Stunden-Woche: „Weltfremd“, „falsch“, „gefährlich“, Montag, 11.02.2013 – 16:32 Uhr). Doch was ist die Alternative? Alles so weitermachen wie bisher?

Aus meiner Sicht ist die Leistung der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschftspolitik, dass sie die Debatte von den herkömmlichen Neo-Liberalen Wirtschafts- und Arbeitsmarktansätzen wegführt und nach ernsthaften Alternativen sucht. Wenn wir uns in der Welt umschauen, dann gehört Deutschland noch immer zu den stärksten Wirtschaftsnationen. Allerdings ist der Reichtum, der dadurch entsteht extrem ungerecht verteilt und nur ganz wenige Schichten profitieren vom wirtschftlichen Aufschwung in Deutschland.  Das ist für ein Land wie Deutschland beschämend. Denn eines muss jedem klar sein: wenn Reichtum produziert wird, dann geht es an einer anderen Stelle irgendwem schlechter. Denn unter dem Strich bleibt diese Rechnung immer null. Aber das scheint einigen in unserer Gesellschaft nicht klar zu sein, oder man sollte mal fragen, auf welcher Seite der Rechnung sie stehen – auch in der Wissenschaft.

Foto: Eigene ( (c) Philipp Hoicke)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 11. Februar 2013 von in Politik, Querdenker, Wirtschaft und getaggt mit , , , .

Kategorien

Twitter Updates

Enter your email address to follow this blog and receive notifications of new posts by email.

Abonnierte Blogs

erneuerbar

Die Energiewende in Deutschland

SPRENGSATZ _Das Politik-Blog aus Berlin

Energie - Wirtschaft - Politikberatung

Marco Bülow

Energie - Wirtschaft - Politikberatung

Daniel Florian

Politik - Medien - Wirtschaft

Richard Wiseman

Quirky mind stuff

Philipp Hoicke

Energie - Wirtschaft - Politikberatung

%d Bloggern gefällt das: