Philipp Hoicke

Energie – Wirtschaft – Politikberatung

„Better to shop than to vote?“ – Großkonzerne und die Macht des Käufers

Quelle: Flickr.de Scottish Government CC-BY-NC 2.0

Quelle: Flickr.de Scottish Government CC-BY-NC 2.0

Über die Arbeitsbedingungen bei Amazon wurde in den letzten Tagen ja genügend berichtet. Doch ist Amazon längst nicht der einzige Großkonzern, dessen Unternehmenspolitik in der Kritik steht. Der aktuelle Skandal bei Amazon soll hier zum Anlass genommen werden, die Bedeutung von Großkonzernen für unsere Gesellschaft näher zu untersuchen.

Zunächst stellt sich natürlich die Frage: Was ist eigentlich ein Großkonzern bzw. Marktgigant? Laut den meisten Definitionen ist ein Großkonzern ein Unternehmen, dass eine marktbeherrschende Stellung einnimmt und gleichzeitig in mehreren Ländern tätig ist. Erst wenn diese beiden Definitionen erfüllt sind, spricht man in der Regel von einem Großkonzern. Zwar gibt es viele weltweit tätige Unternehmen mit unzähligen Filialen – jedoch sind sie in den meisten Fällen nicht marktbeherrschend, daher kann in diesem Fall nicht von einem Großkonzern gesprochen werden. Bei Amazon treffen jedoch beide Bedingungen zu.

Viele Menschen haben schon einmal etwas bei Amazon bestellt – man kommt ja auch fast kaum noch an dem Konzern vorbei, sofern man das Internet nicht meidet oder generell nie etwas online bestellen würde. Nach den negativen Schlagzeilen fragen sich nun viele, soll ich weiterhin bei Amazon bestellen? Die eigentliche Frage dabei ist jedoch, warum existieren eigentlich solche Unternehmen, die eine derartige Marktstellung besitzen, die kaum Steuern zahlen und dann noch schlechte Arbeitsbedingungen anbieten (Leiharbeit, Zeitarbeitsverträge, Niedriglöhne …)?

Colin Crouch geht in seinem jüngsten Werk: „Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus“  (mehr dazu in einem älteren Blogeintragbesonders auf diese Fragestellung ein: Wie entstehen Großkonzerne, die sogar Macht auf Staaten ausüben können und welche Bedeutung haben sie für die Gesellschaft und die Politik?
Generell ist unser wirtschaftliches Verständnis in den Dualismus „Markt vs. Staat“ unterteilt. Doch durch die Entstehung der weltweit aktiven Großkonzerne wird dieses Bild verzerrt. Die Großkonzerne stehen durch ihre Marktmacht nicht im gleichen Wettbewerb wie andere Unternehmen – sie haben deutliche Vorteile bei der Beschaffung von Arbeitskräften, Ressourcen und üben einen hohen Einfluss auf die Politik aus. Man kann sie durchaus als dritte Größe in diesem Spiel einordnen.

Die marktbeherrschende Stellung – wie bei Amazon – lässt potentiellen Käufern kaum noch eine Chance, Bucher, elektronische Waren, Spielzeug etc. nicht über Amazon zu beziehen. Zum einen sprechen dafür die Preise, aber auch die schnelle Lieferzeit, die andere Anbieter kaum einhalten können. Dieser Mangel an Entscheidungsfreiheit für Konsumenten ist ein entscheidendes Merkmal unserer heutigen Gesellschaft. Teilweise werden den Käufern eine Vielzahl an Entscheidungsmöglichkeiten vorgegaukelt – in Wirklichkeit gehören viele Marken längst zu einem weltweit agierenden Großkonzern. Beste Beispiele ist die Zigaretten-Industrie, bei der 7 der weltweit Top-15 Marken (Marlboro, L&M, etc.) zum Konzern Philip Morris gehören. Weitere Beispiele sind die Konzerne Nestlé, Uniléver oder die Kraft-Gruppe etc.

Für einen funktionierenden Markt und eine gesunde Demokratie ist es laut Crouch unerlässlich, dass ein bestimmter Pluralismus vorhanden ist, der nicht zu einer Machtkonzentration eines oder weniger Unternehmen führt. „Bürger sollen stets die Wahlmöglichkeiten haben und dadurch den Unternehmen wie auch den Politikern mehr oder weniger auf Augenhöhe gegenübertreten können, die sie andernfalls dominiert hätten.“ Außerdem erhalte der Pluralismus den Spielraum, der Neulingen den Zutritt zu den Märkten oder zur politischen Arena ermöglicht. Da ökonomische Macht stets in politische Macht umgewandelt werden könne, schütze der Pluralismus sowohl den Markt als auch die Demokratie.

Jedoch kann man nicht zu den Schluss kommen, dass Großkonzerne generell schlecht oder gar böse sind. Es bedeutet nach Crouch, „dass sie der Souveränität des Verbrauchers und den Kräften des freien Marktes in deutlich geringerem Maße unterworfen sind, als die neoliberale Rhetorik und glauben machen will. Wenn man uns unablässig versichert, dass „mehr Marktwirtschaft“ und Leben erleichtere, „mehr Marktwirtschaft“ tatsächlich aber „mehr Marktgiganten“ bedeutet, sind wir aufgerufen, uns eingehender mit den gesellschaftlichen Folgen dieser Entwicklungen zu befassen“.

Doch Crouch hat auch eine Lösung, für alle Menschen, die sich in den letzten Tagen gefragt haben, ob man noch aus moralischen Gründen bei Amazon kaufen könne. Die moralische Entscheidung des Käufers ist in diesem Fall äußerst entscheidend. Blendet man einmal die günstigen Preise und die kurze Lieferzeit aus, bleibt alleine eine moralische Entscheidungsinstanz übrig, ob man bei einem bestimmten Unternehmen einkauft, oder nicht. Diese ist jedoch nicht vom Großkonzern zu beeinflussen. Sofern wir manche politischen Entscheidungen, die das Fortbestehen von derartigen Großkonzernen mit – aus unserer Sicht – negativen Unternehmensstrategien nicht verhindern können, nicht treffen, muss der Verbraucher als moralische Instanz einschreiten. Denn er hat eine entscheidende Macht über den Konzern, in dem er seine Kaufkraft auf andere Unternehmen überträgt. Dies kann nur für einen unbestimmten Zeitraum sein oder auch für immer.

Das entbindet jedoch die Politik nicht, Entscheidungen und Gesetze zu erlassen, die es solchen „Megakonzernen“ ermöglicht, kaum Steuern zu zahlen bzw. schlechte Arbeitsbedingungen anzubieten. Verhindern können wir Großkonzerne nicht. Noreena Hertz geht in ihrem Aufsatz „Better to shop than to vote“ der Frage nach, welchen Einfluss Konsumenten unter anderem auf die Politik solcher Unternehmen haben. Sie kommt zu dem Schluss, dass Konsumenten teilweise höhere Einflussmöglichkeiten auf Großkonzerne haben, als die Politik. Also bedenkt das bei eurer nächsten Bücherbestellung …

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2 Kommentare zu “„Better to shop than to vote?“ – Großkonzerne und die Macht des Käufers

  1. alphachamber
    20. Februar 2013

    Hallo,
    mit Respekt, aber diesem Artikel mangelt es an Syllogismus und Rationalitaet, die ueblichen und populaeren Anklagen gegen diesen „Neoliberalismus“. Neoliberalismus ist nicht abzulehenen wegen seiner marktwirtschaftlichen Komponente, sondern wegen siner Scheinheiligkeit jedem alles zu bedeuten.
    Das trifft heute wiederum auf jede politischen coleur zu.
    Die Linken, Gruenen, Sozialen, Christen, sind alle vom gleichen System abhaengig. Man bietet gequaelte, heuchlerische Alibi-Debatten auf eigener moralischer Platform; knappert dabei ein wenig an den Haende die die Politik und die Gesellschaft fuettern. Von Schuld und Zynismus getrieben, wird eine Mischwirtschaft gefoerdert, die nichts anderes vervorbringen KANN und in der JEDER Komplize ist.
    „…Blendet man einmal die günstigen Preise und die kurze Lieferzeit aus…“ Welche andere Entitaet ist denn eine Komponente des fairen Handels, bitte?
    Amazon ist gewachsen durch kreatives, risikofreudiges und tatkraeftiges Management. Es KONNTE nur wachsen, durch zufriedene Kunden, unter denen sich bestimmt auch HartzIV Empfaenger befinden, Leute wie die Geissens schoppen da doch weniger. Jetzt braucht man also ploetzlich Unternehmer mit Moral, und ihre niedrigverdienenden Kunden mit Moral? Bald haben wir eine „freie Moralwirtschaft“, ausser Politiker und neoliberale Ausbeuter, Ja?
    Dewr Text beschreibt nur Symptome einer total chaotischen Politik. Moral funktioniert nur in einem ethischen System, das es hier nicht mehr gibt.
    MFG, alphachamber
    [https://www.liberalerfaschismus.wordpress.com]

  2. Daniel Florian
    21. Februar 2013

    Hm, bin nicht ganz überzeugt … warum sollte man ausgerechnet bei einer wirtschaftlichen Tätigkeit – dem Kauf und Verkauf von Waren – auf die Moral setzen? Es bleibt ja noch die Regulierung, und das beginnt ja gerade erst: die EU will den unterschiedlichen ermäßigten Steuersatz für Bücher auf EU-Ebene vereinheitlichen (für einen deutschen Online-Händler beträgt der gerade 19% für einen luxemburgischen wie Amazon 3%) und auf G20-Ebene wird über das Schließen von Steuerschlupflöchern debattiert. Alle Staaten haben ein gemeinsames Interesse daran, denn auch in USA zahlt Google nur 3% Steuern …

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 20. Februar 2013 von in Kommentar, Politik, Wirtschaft und getaggt mit , , , , .

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