Philipp Hoicke

Energie – Wirtschaft – Politikberatung

Energiewende für kommunale Energieversorger – Chance oder Risiko?

(c) Philipp Hoicke

(c) Philipp Hoicke

Die Energiewende ist eine der wichtigsten Aufgaben, welche die Politik in den kommenden Monaten angehen muss. Sie wird neben der Finanzkrise das Thema der kommenden Bundestagswahl sein. Die Umgestaltung der Energielandschaft in einer der führenden Industrienationen ist bislang ein einmaliges Konzept und wirkt sich dabei auf jeden Bereich der deutschen Energiewirtschaft aus.

Inmitten dieser Umbrüche stehen kommunale Stadtwerke. Sie besitzen das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger der Städte und sind vor Ort vernetzt. Viele Kommunen versuchen nun, die Energieversorgung wieder in kommunale Hand zu bekommen. Zum einen geschieht dies durch den Erwerb von Konzessionen und zum anderen durch die Gründung eigener kommunaler Energieversorger. Doch welche Chancen haben sie, in den Wirren der Energiewende nicht unterzugehen und sich gegen die großen Energieversorger zu behaupten?

Deutschland ist weltweit bislang das einzige Land, das einen Umbau des eigenen Energiesystems in diesem Maße vorangetrieben hat. Daher können wir nicht auf gute Beispiele aus anderen Staaten zurückgreifen, sondern sind selber Vorbild für andere.

Durch die Energiewende gestaltet sich unser Energiesystem von einem zentralen hin zu einem dezentralen System mit einem immer stärker wachsenden Anteil Erneuerbaren Energien. Diese können im Gegensatz zu Großkraftwerken den Strom nachhaltiger und dezentraler, also näher am Verbraucher, erzeugen. Trotz der begonnenen Energiewende und des Atomausstiegs wird die deutsche Energielandschaft noch immer von vier großen Versorgern dominiert. Doch die Marktbeherrschung gerät langsam ins Kippen. Daran haben die tiefgreifenden Veränderungen der Energiewende und des Atomausstiegs ihren wesentlichen Anteil.

Der Energiemarkt hat in der Vergangenheit eine starke Neuausrichtung erfahren. Mit der Liberalisierung des Strommarktes Ende der 1990er Jahre und der Novellierung des Energiewirtschaftsgesetzes, kann jeder Kunde frei auswählen, von welchem Energieversorger er seinen Strom beziehen will. Außerdem ist es Stromanbietern nun erlaubt, ihre Produkte überregional anzubieten. In den Medien und bei Energie-Experten konnte man zu diesem Zeitpunkt bereits von einem „großen Sterben der Kommunalen Energieversorger“ lesen, da sie als nicht bzw. zu wenig konkurrenzfähig galten. Doch sie haben überlebt und sich erfolgreich in der Region und in den Kommunen behauptet.

Die Energiewende und der Atomausstieg bilden nun eine weitere, tiefgreifende Zäsur des Energiemarktes. Wen wundert es da, dass in dieser Zeit wieder der Niedergang der kommunalen Energieversorger vorhergesagt wird. Doch die Energiewende ist die Chance der kommunalen Versorger weiterhin ein Erfolgskonzept zu bleiben.

Erst kürzlich hat eine Umfrage im Auftrag der Zeitung für Kommunalwirtschaft (ZfK) in Verbindung mit der Personalberatung LAB & Company, Düsseldorf rund 900 Branchenexperten aus dem Bereich der Energiewirtschaft über die aktuellen Unternehmensmodelle der großen Energieversorger (Eon, RWE, EnBW und Vattenfall) befragt. Das Ergebnis war so deutlich, wie vernichtend: rund 70 Prozent der Befragten attestierten den „Großen Vier“ ein nicht überlebensfähiges Geschäftsmodell. Einen wesentlichen Grund hierfür sehen die Befragten vor allem in der Tatsache, dass die Energieriesen viel zu lange die Energiewende als Bedrohung angesehen haben. Zwar verfügen sie noch immer über eine dominierende Marktstellung und bedeutende finanzielle Mittel, nur haben die Energiekonzerne ihre Mittel bislang in die falschen Projekte investiert.

Im Gegensatz dazu haben sich die kommunalen Energieversorger als Vorreiter der Energiewende präsentiert. In enger Kooperation mit den Kommunen haben sie vielerorts Klimakonzepte für eine nachhaltige Umgestaltung der Städte und Ballungszentren erarbeitet und sich als verlässlicher Partner der Energiewende bewiesen. Denn die Energiewende ist im Wesentlichen eine kommunale Aufgabe, die direkt vor Ort und mit den Bürgerinnen und Bürgern umgesetzt werden muss. Wenn man einen Blick auf die Ausbauzahlen der Projekte im Bereich der Erneuerbaren Energien wirft, stellt man schnell fest, dass gerade die kommunalen Unternehmen ihre Erzeugung im regenerativen Bereich erheblich gesteigert haben. Dagegen setzen die Großen Vier noch immer auf die Verstromung von konventionellen Energieträgern. Das eigentliche Geschäftsmodell von RWE, Eon und Co wird durch eigene Projekte der Erneuerbaren Energien nicht verändert – bestenfalls grün angestrichen.

Kommunal verpflichtet

Bei der Bezeichnung kommunaler Energieversorger stellt sich die Frage nach der Definition des Begriffs. Handelt es sich hierbei um ein Unternehmen, dessen Anteile sich mehrheitlich in kommunalem Eigentum befinden und deshalb dem Gemeinwohl verpflichtet ist. Oder haben sich die Unternehmen durch einen in der Vergangenheit immer höheren Privatisierungsgrad doch eher die Gewinnmaximierung zum Ziel gesetzt. Beides ist zutreffend. Der Unterschied zu rein privaten Versorgen ist gerade in den letzten Jahren stark sichtbar geworden. Auch wenn ein Teil der Gewinne an private Anteilseigener ausgeschüttet wurde, ist doch der größere Teil dem kommunalen Haushalt zu Gute gekommen. Zudem besteht die Möglichkeit der Quersubventionierung des öffentlichen Personennahverkehr, Schwimmbädern oder er diente zur Erschließung von neuen Baugebieten. Aus diesem Grund war und ist es sinnvoll mit dem zur Verfügung stehenden Kapital gewinnbringend zu wirtschaften. Dabei haben sich die Unternehmen nicht auf ihren alten Pfründen ausruhen können, sondern haben sich den veränderten Marktgegebenheiten angepasst und konnten durch interne Restrukturierungsprozesse kleiner werdende Gewinnmagen auffangen. Zudem sind die kommunalen Energieversorgungsunternehmen zum einen ein zuverlässiger Partner und Auftraggeber für das örtliche Handwerk und den Mittelstand und zum anderen ein sicherer Arbeitgeber in der Region. Die Nähe zur Kommune, zu Bürgerinnen und Bürgern und zum Standort verpflichtet, deren Belange bei unternehmerischen Entscheidungen zu berücksichtigen.

Regionale Netzwerke schaffen

Ein wesentlicher Faktor für die erfolgreiche Entwicklung kommunaler Versorger ist deren Verankerung in der Region. Sie genießen in der Regel ein hohes Vertrauen bei den Bürgerinnen und Bürgern gegenüber den großen Energiekonzernen. Dieses resultiert in erster Linie aus der regionalen Verankerung des jeweiligen Unternehmens. Besonders in Zeiten, die durch einen breiten Vertrauensverlust in die allgemeinen Wirtschafts- und Finanzsysteme gekennzeichnet ist, genießen kommunale Unternehmen bei den meisten Bürgerinnen und Bürgern einen höheren Vertrauensvorsprung, da sie in besonderer Weise für das Gemeinwohl und eine soziale Marktwirtschaft eintreten. Dennoch kann sich kaum ein Stadtwerk erfolgreich im Energiemarkt behaupten, wenn der eigene „Aktionsradius“ an der jeweiligen Stadtgrenze endet. Daher sind sie gezwungen, regionale Kooperationen einzugehen, um neue Märkte zu erschließen. Dabei bietet die Verbindung zur jeweiligen Region das eigentliche Erfolgskonzept. Denn Netzwerke sollten klar auf eine Region beschränkt sein – andernfalls setzten kommunale Versorger den Vorteil der Lokalität bzw. der Kommunalität aufs Spiel. Andernfalls besteht die Gefahr eine Loslösung von der Heimatregion. Mit dem Verlust der regionalen Verwurzelung würde automatisch das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger schwinden. Ein Beispiel dafür ist der süddeutsche Versorger EnBW, der schon längst nicht mehr als regionaler Versorger angesehen wird.

Die Energiewende erfordert in den kommenden Jahren enorme Investitionen in den Ausbau der Erneuerbaren Energien und des Energiesystems. Diese Summen können die kleineren Regionalversorger alleine kaum stemmen. Zum einen besteht die Gefahr für viele kommunale Versorger, dass sie aufgrund von unsicheren Fördermechanismen der Bundespolitik beim Ausbau der Erneuerbaren Energien vor nicht kalkulierbaren wirtschaftlichen Risiken stehen. Daher muss vor allem die Bundespolitik zukünftig verlässliche Rahmenbedingungen schaffen, die weitere Investitionen ermöglichen. Zum anderen würden sich wirtschaftliche Fehlinvestitionen bei den kommunalen Versorgern stärker auswirken, als bei den großen Energieversorgern. Aber auch bei überschaubaren und kalkulierbaren Investitionsbedingungen, lassen sich die Kosten der Energiewende für kommunale Energieversorger nur schwer stemmen. Hierbei helfen regionale Kooperationen. Durch interkommunale Netzwerke können Synergien genutzt sowie Kompetenzen und Know-how im eigenen Unternehmen gebündelt werden. Zudem werden finanzielle Risiken bei neuen Projekten gesenkt bzw. gestreut.

Schlüsselfaktor Dezentralität

Durch die Energiewende transformiert sich das deutsche Energiesystem von vermehrt zentralen Strukturen und Großkraftwerken hin zu einer dezentralen Energielandschaft. Hier besitzen kommunale Versorger einen erheblichen Vorteil gegenüber den zentralen Erzeugern und Großkraftwerksbesitzern, da sie bereits dezentral aufgestellt sind.

Zudem stammt die erzeugte Energie bei den kommunalen Versorgern in der Regel aus modernsten Anlagen, die in Verbindung mit Anlagen der Kraft-Wärme-Koppelung zu den effizientesten Kraftwerken gehören. Auch der Ausbau der Erneuerbaren Energien ist bei den kommunalen Energieversorgern in den vergangenen Jahren enorm angestiegen. Somit sind sie ein wesentlicher Motor der Energiewende.

Der Faktor der Dezentralität hat für die Kommunen weitreichende Folgen. Durch ihre Investitionen in der Region bleiben Gelder vor Ort. Das schafft Arbeitsplätze und kann wie ein kleines kommunalgesteuertes Konjunkturprogramm wirken. Nicht umsonst haben sich Teile der städtischen Verwaltung, die sich bisher originär um Wirtschaftsförderung gekümmert haben, umorientiert und das Thema Energie für sich entdeckt. Dabei geht es um die Ansiedlung von Unternehmen und die damit verbundenen Arbeitsplätzen. Zudem ist der wachsende Imagefaktor nicht zu unterschätzen. Denn die Energiewende in einer Stadt voranzubringen, heißt Zukunft aktiv gestalten und potentielle Investoren zu gewinnen.

Die dezentrale Energiewende birgt zudem einen großen Gestaltungsspielraum für die politischen Entscheidungsträger. Dabei müssen sie sich die Frage stellen, welche Strategie sie für die zukünftige Energieversorgung ihrer Bürger verfolgen wollen. Worauf zwangsläufig die Prüfung der Umsetzbarkeit dieser Vorstellungen folgen muss. Im urbanen Raum wird zum Beispiel die Realisierbarkeit von Biomassekraftwerken und Windkraftanlagen sicherlich eher an Grenzen stoßen, als im ländlichen Raum. Von daher ist der Mangel an Potentialflächen im städtischen Raum ein Grund den Suchraum auf die Region zu erweitern und wenn möglich die umliegenden Städte, Gemeinden und Stadtwerke an neuen Energieerzeugungsanlagen zu beteiligen. Das erhöht die Akzeptanz, erleichtert den Gang durch die Gremien und ist so mancher Anfang einer intensiveren Kooperation.

Fazit

Trotz der riesigen Investitionen in die Energiewende sind und bleiben die kommunalen Versorger ein Erfolgskonzept. Ihr größter Vorteil liegt in ihrer dezentralen Struktur und in der Vernetzung in der jeweiligen Region. Sie sind gegenüber den großen Energieversorgern im Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger und sind lokal bestens integriert.

Durch die Unsicherheiten der Energiewende und den jeweiligen Förderinstrumenten können sie sich langfristig nur durch regionale Netzwerke und Kooperationen eine Marktstellung sichern. Doch diese brauchen verlässliche Rahmenbedingungen, um weitere Investitionen in Energieerzeugungsanlagen zu tätigen.

Angesichts angespannter Haushaltssituationen vieler Kommunen sehen sich kommunale Energieversorger oft vor der zusätzlichen Herausforderung, ihren städtischen Anteilseignern trotz ihres Grundsatzes der Gemeinwohlorientierung Gewinne einzufahren. Diese können meist nur realisiert werden, wenn kommunale Energieversorgungsunternehmen die gesamte Wertschöpfungskette abdecken. Für kleinere Kommunalversorger ist dies kaum umsetzbar, da das Investitionsrisiko zu hoch ist und zudem Know-how und Erfahrungen in den Bereichen Energieeinkauf und Erzeugung fehlt. Eine Kooperation kann dies kompensieren. Dabei sind Modelle möglich, die die Eigenständigkeit des einzelnen Unternehmens weiterhin gewährleisten. Wichtig ist, dass wenn kleine oder mittelständige Unternehmen eine positive Kooperation eingehen, die handelnden Personen sich auf Augenhöhe begegnen.

Dieser Artikel ist auch erschienen in der Juni Ausgabe der Zeitschrift SPW

Zu den Autoren:

Philipp Hoicke

Sabine Poschmann

Sabine Poschmann arbeitet als Regionalmanagerin im Bereich der Ernergiewirtschaft und Unternehmensstrategie bei der Dortmunder Energie- und Wasserversorgungs GmbH (DEW21). Sie kandidiert bei der Bundestagswahl 2013 im Wahlkreis Dortmund II (WK 143).

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2 Kommentare zu “Energiewende für kommunale Energieversorger – Chance oder Risiko?

  1. Daniel Florian
    3. Juli 2013

    Stimmt, wo die Möglichkeit des „scaling“ begrenzt ist entstehen Chancen für kommunale Energieversorger. Das ist aber nicht nur im Stromsektor der Fall: die Energiewende wird derzeit ja noch viel zu oft als „Stromwende“ gesehen, aber Stadtwerke haben z.B. auch im Verkehrsbereich eine wirklich gute Ausgangsbasis, wenn es zum Beispiel um die Umrüstung des ÖPNV auf klimaschonendere Systeme oder den Ausbau von Strom- und Gastankstellen geht …

    • philipphoicke
      3. Juli 2013

      Ja, das stimmt. Die Energiewende wird meist etwas beschränkt auf den Bereich Strom begrenzt. Sicherlich besteht das größte Einsparpotential im Bereich der Wärmeversorgung. Aber auch im Verkehrssektor gibt es gute Möglichkeiten der Einsparung.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 2. Juli 2013 von in Energiepolitk, Erneuerbare Energien, Strategie und getaggt mit , .

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