Philipp Hoicke

Energie – Wirtschaft – Politikberatung

Dichter und Denker aufgepasst! Warum Deutschland mal wieder den Anschluss verpasst

Flickr (Maurizia Pesce) Lizenz: CC BY 2.0

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Deutschland ist dabei, seine Vorreiterrolle in vielen Fachbereichen zu verlieren, da wir uns zu wenig mit den Bereichen, die im Allgemeinen als Industrie 4.0 bezeichnet werden, beschäftigen. Dabei könnten wir durch eine Änderung in unserer Unternehmenskultur und vor allem in der Politik auf diesem Gebiet führend sein.

Das Thema Industrie 4.0[1] wird hierzulande noch eher stiefmütterlich behandelt. So recht weiß keiner etwas damit anzufangen. Die Politik beschäftigt sich am Rande mit dem Thema, weil man es ja irgendwie tun muss und weil man sich nicht vorwerfen lassen möchte, man würde es ignorieren. Doch derzeit droht Deutschland den Anschluss an die Zukunftstrends zu verlieren – schon wieder.

In Deutschland ist man stolz auf die Tradition der „Dichter und Denker“ dieses Landes. Diesen Erfolg will uns auch sicherlich keiner streitig machen. Wenn wir mal ehrlich sind, schauen die meisten Deutschen mit dem Hintergrund dieser Tradition schon etwas verächtlich auf die Vereinigten Staaten und ihre Bürger. Hier herrscht das Bild des „dummen Cowboys“ oder des ungebildeten Durchschnitts-US-Bürgers vor, der nicht mal die Hauptstadt von Frankreich kennt oder sich fragt, ob Hitler noch immer deutscher Kanzler ist.

Aber genau diese hochnäsigen Europäer telefonieren mit großer Wahrscheinlichkeit mit einem iPhone, tragen Bluejeans, hören amerikanische Popmusik, haben ein Macbook oder einen Microsoft PC (zumindest die Software), recherchieren als erstes stets bei Google, bestellen im Internet bei Amazon und bezahlen mit Paypal. Diese Liste ließe sich wahrscheinlich endlos verlängern.

Dieses Beispiel zeigt, dass die US-amerikanische Wirtschaft aktuell weit aus kreativer ist, als die europäische und als die deutsche Wirtschaft. Ein wesentlicher Grund dafür ist sicherlich, dass in den Vereinigten Staaten die Kultur des Herumexperimentierens sehr viel stärker ausgeprägt ist, als in Deutschland. In den USA fließt aktuell ein Vielfaches des Wagniskapitals in Start-ups als in Deutschland – wohl gemessen an Dollar bzw. Euro pro Kopf. Außerdem ist das gesellschaftliche Ansehen derjenigen, die sich beispielsweise in einem Start-up-Unternehmen versucht haben, jedoch gescheitert sind, in den Staaten ein anderes, als in Europa. In Deutschland hat man immer das Gefühl, sich dafür rechtfertigen zu müssen, dass man es mit seinem jungen Unternehmen nicht über das erste Jahr geschafft hat. Man gilt fast als unfähiger Geschäftsmann. Dagegen werden dieselben Leute in den Vereinigten Staaten nicht als Aussätzige behandelt. Die Kultur des „Trial and Error“ ist eine grundsätzlich andere.

Wenn Deutschland den künftigen Entwicklungen nicht hinterherlaufen will, muss die Politik andere Rahmenbedingungen setzen, denn die Digitalisierung schreitet auch in deutschen Domänen (Automobilindustrie, Bankgewerbe, Logistikbranche, Telekommunikation etc.) enorm voran und bedroht diese Bereiche, wenn wir uns nicht auf die Veränderungen einlassen und sie von Anfang an mitgestalten. Gute Ideen müssen ausprobiert werden. Deutschland muss sich lösen von dem Gedanken, alles zunächst in der Theorie jahrelang zu ergründen und dann, wenn man sich „1000%“ sicher ist, umzusetzen. Nur das häufige Ausprobieren führt zu umsetzbaren Ideen, die anschließend auch marktfähig und langfristig überlebensfähig sind. Denn nur mit einer hohen Anzahl an Versuchen steigert man das Vorkommen eines „positiven Schwarzen Schwans[2], dem einen Glücksfall, der zu einer Jahrhundertidee führt. Dazu hat die Politik alle Fäden in der Hand. Warum sollte Deutschland nicht Gesetze erlassen, die es ermöglichen, Drohnen im Lieferverkehr einzusetzen oder die es erlauben, unter bestimmten Regeln, selbstfahrende Fahrzeuge zu nutzen.[3] Dies wäre ein erster Schritt in die richtige Richtung.

[1] Auch wenn ich nicht ganz mit dem Begriff Industrie 4.0 einverstanden bin, da es sich nicht nur um eine Digitalisierung der Industrie handelt, sondern um die Digitalisierung der gesamten Gesellschaft, benutze ich ihn an dieser Stelle dennoch aus Mangel an alternativen deutschen Begriffen.

[2] Ein „Schwarzer Schwan“ ist nach Nassin Taleb ein unvorhersehbares Ereignis, dass sowohl zu einem positiven, als auch zu einem erheblich negativen Effekt führt. (Taleb, Nassim: Der Schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse; New York 2007.)

[3] http://www.politik-kommunikation.de/ressorts/artikel/have-no-fear-german-16243

 

Foto: Flickr (Maurizio Pesce) Fizenz: CC BY 2.0

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 29. Mai 2015 von in Allgemein, Politik, Strategie, Wirtschaft und getaggt mit , , .

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