Philipp Hoicke

Energie – Wirtschaft – Politikberatung

Wir müssen über die Digitalisierung sprechen

Arbeit 4.0, Industrie 4.0 oder die smarte Zukunft – Eine Begriffsbestimmung

 

Foto: Flickr (Alberto Racatumba) Lizenz: CC BY 2.0)Ein Gespenst geht um in Europa … das Gespenst der Digitalisierung“ – so oder so ähnlich könnte man die aktuelle Debatte zum Themenkomplex Digitalisierung oder smarte Zukunft beschreiben. Viele Begriffe geistern in den politischen Debatten umher, die versuchen, den Prozess zu beschreiben, der im Allgemeinen mit Arbeit 4.0 oder Industrie 4.0 bezeichnet wird. Doch zeigt sich, dass längst nicht alle darunter dasselbe verstehen. Daher ist es notwendig, eine Begriffsbestimmung durchzuführen.

Ich stoße mich schon länger an den Begriffen Industrie oder Arbeit 4.0, da sie aus meiner Sicht nicht zutreffend sind für den Prozess, der eigentlich hinter diesen Begrifflichkeiten steckt. Er suggeriert, dass der Prozess – nennen wir ihn Digitalisierung – auf die Arbeitswelt und die Industrie beschränkt sei. Firmenvertreter und Forschungseinrichtungen verstehen darunter im Allgemeinen eine Art intelligente Produktionskette mit optimierten logistischen Ketten, Just-in-time Lieferketten und einen verstärkten Einsatz intelligenter oder lernender Systeme (jedenfalls auf den Veranstaltungen, die ich zu diesem Themenbereich in den letzten Wochen besucht habe).

Doch hinter der Digitalisierung steht mehr, viel mehr als optimierte Lieferketten. Im Kern der smarten Zukunft dreht sich alles um Daten und um eine möglichst vollständige Verknüpfung des privaten Lebens und der Arbeitswelt. Sofern ist die Digitalisierung nicht das Endprodukt, sondern ein Mittel, die Verschmelzung dieser beiden Lebensbereiche zu erlangen. Industrie 4.0 ist daher nicht zutreffend, da dieser Begriff nur die Hälfte des Prozesses widerspiegelt und daher zu eng gewählt und sogar irreführend ist. Aber vielleicht liegt gerade darin der Grund, warum Deutschland und auch Europa mal wieder hinter dieser Entwicklung hinterherlaufen. Wir haben die völlige Tragweite der Entwicklung noch nicht verstanden. Viele Unternehmen rühmen sich mit ihrer intelligenten logistischen Produktionen in sogenannten Smart Factories, doch das ist nur die halbe Miete.

Der Prozess geht tiefer. Wir sind auf dem Weg in eine digitale Gesellschaft, in der Daten die wichtigste Rolle spielen, in der alles auf persönliche Bedürfnisse abgestimmt ist und verschiedene Systeme miteinander automatisch kommunizieren – eben bis in den privaten Bereich hinein. Darum hat Google vor einiger Zeit auch den Hersteller für Rauchmelder und Thermostate Nest Labs aufgekauft. Es ist Googles Einstiegstor in die privaten Haushalte. Denn Nest Labs vertreibt intelligente Hausgeräte – ein Zukunftsmarkt. Google zieht daraus weitere Daten – es wird wissen, wann eine Familie die Heizung anstellt und wie hoch die Zimmertemperatur ist, wird durch Wetterdaten in Echtzeit die persönlichen Bedürfnisse im inneren des Hauses (Beleuchtung, Temperatur etc.) anpassen. Google weiß, dass sich damit künftig eine Menge Geld verdienen lässt.

In Deutschland dagegen prahlen wir mit intelligenten Fabriken und Werkshallen, mit einer Digitalisierung der Arbeitswelt, eben Industrie 4.0. In Sachen Forschung waren Deutsche Ingenieure schon immer führend. Doch in diesem Prozess geht es meiner Meinung nach um etwas ganz anderes bzw. denken wir (noch) nicht weit genug. Die Digitalisierung ist nur der Weg, das Ziel in die vollständige Datenerfassung aller möglichen Lebensbereiche und deren Verbindung untereinander. Damit lässt sich künftig eine Menge Geld verlieren. Doch das scheinen deutsche Unternehmen und auch die Politik noch nicht ganz verstanden zu haben.

Angst darf man durchaus vor dieser Entwicklung haben, aber man darf sich ihr nicht widersetzen, dafür wäre es ohnehin viel zu spät. Die Politik muss die Rahmen setzen, in denen sich dieses System ausbreiten darf, denn der Prozess wird elementare Veränderung der Arbeitswelt und des Datenschutzes nach sich ziehen.

 

Foto: Flickr.com (Alberto Ratacumba) Lizenz: CC BY 2.0

Advertisements

Ein Kommentar zu “Wir müssen über die Digitalisierung sprechen

  1. Dieter Mende
    23. Oktober 2015

    Hallo Philipp, auch an dieser Stelle kann ich deine Impulse nachvollziehen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 22. Oktober 2015 von in Digitalisierung, Politik, Wirtschaft und getaggt mit , , .

Kategorien

Twitter Updates

Enter your email address to follow this blog and receive notifications of new posts by email.

Abonnierte Blogs

erneuerbar

Die Energiewende in Deutschland

SPRENGSATZ _Das Politik-Blog aus Berlin

Energie - Wirtschaft - Politikberatung

Marco Bülow

Energie - Wirtschaft - Politikberatung

Daniel Florian

Politik - Medien - Wirtschaft

Richard Wiseman

Quirky mind stuff

Philipp Hoicke

Energie - Wirtschaft - Politikberatung

%d Bloggern gefällt das: